Labmagenverlagerung:
Unter den gegenwärtigen Haltungsbedingungen kommen Labmagenverlagerungen auch in Österreich recht häufig vor. Dabei sind drei klinische Erscheinungsformen zu unterscheiden, da sich sowohl die Symptome sowie der Krankheitsverlauf und die Prognose unterscheiden.

Am häufigsten kommt die Labmagenverlagerung nach links vor, an zweiter Stelle folgt die einfache Verlagerung nach rechts und schließlich die Labmagenverdrehung (immer rechts).

Das Leiden hat in den letzten 10 Jahren stark zugenommen. Vor allem betroffen sind Schwarzbunte Kühe, aber auch Fleckvieh und Braunviehkühen sind betroffen. Nach neueren epidemiologischen Untersuchungen ist höhere Milchleistung kein Risikofaktor für Labmagenverlagerung, wohl aber Totgeburt, Zwillingsgeburt, Festliegen, Nachgeburtsverhalten, Azetonämie, Gebärmutterentzündung sowie Pansenazidose.
Die Erkrankung kommt auch
bei Kälbern vor!

Die Labmagenverlagerung ist eine sogenannte Leistungskrankheit, der ein multifaktorieller Ursachenkomplex zugrunde liegt. Die primäre Ursachenfolge ist eine Atonie (Muskelwandschwäche) des Labmagens.

Das häufigste Auftreten ist in der Zeit kurz nach der Geburt.
Weitere Gründe sind die intensive Fütterung oder auch die Futterumstellung nach der Geburt, wenige Mahlzeiten, dadurch hochgradige unterschiedliche Füllungszustände im Pansen und ein schneller Übertritt zerkleinerter, ungenügend verdauter Futterpartikel in den Labmagen. Schleimhautgeschwüre im Labmagen und eine Muskelschwäche der Wand, verlangsamter Transport der Speisebreies und vermehrte Gasbildung im Labmagen sind die Folge.
Wie erwähnt erkranken häufiger Holsteiner. Vor allem die Form des Brustkorbes und des Rippenbogens geben hier mehr Platz zum Drehen als bei anderen Rassen.
Bild 1: normale Lage des Labmagens (gelb) von rechts gesehen.
Bild 2: beginnende Verlagerung des Labmagens (gelb) im Querschnitt.
Klinische Erscheinungen: Wechselhafte Futteraufnahme. Appetitmangel, herabgesetztes Wiederkauen. Die Milchmenge bleibt hinter der erwarteten Leistung zurück. Kot wird dunkel und schmierig. Therapieresistente Azetonämie. Die linke Flanke kann eingesunken sein, weil der Pansen schlecht gefüllt ist. Hie und da kann man direkt hinter der letzten Rippe eine Vorwölbung sehen, welche durch den aufgeblähten und verlagerten Labmagen verursacht wird (bei linker Verlagerung). Die Tiere leiden nicht nur unter Azetonämie sondern oft auch gleichzeitig unter Euter- und/oder Gebärmutterentzündungen und Klauenprobleme.

Wenn derartige Symptome vorliegen, insbesondere bei Milchkühen kurz nach dem Abkalben, dann ist der Tierarzt beizuziehen. Dieser kann durch spezielles Beklopfen der Flanke typische Laute erzeugen, die mit dem Stethoskop hörbar und für ein überdehntes und mit Flüssigkeit und Gas angefülltes Organ typisch sind.
Bild oben: Blinddarm (grau-weiß). Weiß=Gasfüllung
Außer der Labmagenverlagerung nach rechts oder links sei die Blinddarmblähung, mit oder ohne Verdrehung, erwähnt. Auch diese kann in der gleichen Zeit nach der Geburt auftreten und verursacht die gleichen Symptome.

Therapie: Es ist möglich, dass ein verlagerter Labmagen oder Blinddarm von selbst wieder seinen "normalen Platz" einnimmt; oft treten aber in den folgenden Tagen Rückfälle ein. Es sind verschiedene Behandlungsmethoden beschrieben worden.
Wir führen eine sogenannte Laparatomie (operative Eröffnung der Bauchhöhle) von der Flanke aus. Je nach Schweregrad oder Verlagerung entweder von rechts oder links.
Die Kuh wird bei unserer Operationsmethode nicht sediert und wird im Stehen operiert. Eine Lokalanästhesie reicht hier voll aus um ein schmerzfreies operieren zu ermöglichen
Der Vorteil hierbei ist, dass die Kuh nach der Operation ein ungestörtes Allgemeinbefinden zeigt.

Prognose: Nach einer Operation bei der linksseitigen Verlagerung sind die Heilungsaussichten grundsätzlich gut. Eine Rezidivrate von 10-20% wäre möglich.
Bild oben: dilertierter Labmagen

Bei einer rechtsseitigen Verlagerung liegen die Heilungsaussichten nur bei einer Intervention innerhalb von 24 h bei 50 %; nach 48 h sind sie sehr schlecht. Selbstverständlich spielen eventuelle Komplikationen und Begleiterkrankungen eine Rolle.

Dr. Wolfgang Schramel
06.02.2002